Satire

 

Aber es ist Zeit, dass wir diese Nebenbetrachtungen abbrechen und den Charakter der Satire näher zu entwickeln suchen.

Hier merken wir zunächst an, dass ihr Stoff eine herrschende Abweichung von Vernunft, Geschmack, Tugend, von guter Lebensart, oder endlich von anständigen Sitten sei, die zugleich Wichtigkeit genug habe, um öffentlich gerügt zu werden, damit die Menschen dafür verwahrt oder die, welche davon angesteckt sind, davon abgebracht werden. Wir fordern, dass diese Abweichungen herrschend seien; dann ein einziges, oder selten wieder kommendes Versehen gegen Vernunft, Geschmack, Sitten u.s.w. wird keinen vernünftigen Menschen veranlassen, eine Satire dagegen zu schreiben. Aber eingewurzeltes Übel oder ein solches, das überhand zu nehmen droht, ist dieser Bemühung schon wert. Wir würden auch unsern Beifall nicht gern solchen Satiren geben, die Torheiten oder Laster einzelner Menschen, deren Wirkung keinen merklichen Einfluss auf die Gesellschaft hat, zum Gegenstand nähmen. Sie dienen zwar zur Belustigung und können unter Werken, die bloß Scherz und Ergötzung zum Zweck haben und die witzige Köpfe, wie Horaz sagt, in voller Muße zum Spiel vornehmen8), mit gehen. Hierzu aber rechnen wir die nicht, die unter einer gewissen Gattung Menschen allgemein gewordene Torheiten an einzeln Menschen durchziehen, von welcher Art Horazens Schwätzer ist9). Denn da geht die Satire auf die ganze Gattung und bekommt dadurch ihre Wichtigkeit. Auch würden wir unter die unbeträchtlichen Satiren die rechnen, deren Inhalt außer der Sphäre der Leser, für welche man arbeitet, liegt als Torheiten des ganz niedrigen Pöbels, der nicht liest; oder wenn jetzt jemand nach Lucianischer Art, auf die griechische Götterlehre Satiren schreiben wollte. Diese und die vorhergehende Art mag man immer Satiren nennen: wir zählen sie in die Klasse der bloß scherzhaften Werke, deren einziger Zweck ist, zu belustigen.

Der Endzweck der Satire ist dem Übel, das sie zum Inhalt gewählt hat, zu steuren, es zu verbannen, oder wenigstens sich dem weiteren Einreißen desselben zu widersetzen und die Menschen davon abzuschrecken. Denn Privathass, oder Groll macht die Satire einigermaßen zum Pasquill. Vielleicht möchte der Fall hiervon auszunehmen sein, da man aus patriotischer Feindschaft gegen große Bösewichte, kein anderes Mittel hat, das Publikum an ihnen zu rächen, als sie der allgemeinen Verachtung oder dem Spott Preis zu geben10). Aber wir sprechen hier überhaupt und nicht von ganz einzelnen Fällen.

Wegen dieses Endzwecks gehört also die Satire unter die wichtigsten Werke des Geschmacks und man würde ihr sehr unrecht tun, sie bloß in die Klasse der scherzhaften und belustigenden Werke zustellen, denen sie unendlich vorzuziehen ist. Die wahre und wohlausgeführte Satire ist ein höchstschätzbares Werk. Jede im Verstand, Geschmack oder dem sittlichen Gefühl herrschende Unordnung, die sich unter einem Volke, oder unter ganzen Ständen ausbreitet, ist ein wichtiges Übel, oft viel wichtiger als eine bloß vorübergehende Not, wodurch die Menschen nur eine Zeitlang ihrer Bedürfnisse halber in Kummer und Leiden versetzt werden. Wie wichtig man sich auch immer gewisse, auf das äußerliche Wohlsein eines Volkes abzielende Anstalten vorstellt; so werden wir bei genauerem Nachdenken über menschliche Angelegenheiten allemal finden, dass innere Zerrüttungen, herrschen sie in dem Verstand oder in dem Willen, sehr fürchterliche Übel sind, die so bald sie eine gewisse Größe und Ausbreitung gewonnen haben, ein ganzes Volk unwiederbringlich ins Verderben stürzen. Gar oft hat das, was man bloß für lächerlich hält, die schwersten Folgen für ein ganzes Volk gehabt. Diese Wahrheit wird keinem nachdenkenden Beobachter der Menschen, bei der Geschichte verschiedener Völker unbemerkt geblieben sein. Wer demnach ein Volk oder nur einen Stand in der bürgerlichen Gesellschaft von einer Torheit oder irgend einer anderen verderblichen Abweichung von dem geraden Weg der Natur und Vernunft zurücke bringen kann, hat ihm eine sehr wichtige Wohltat erwiesen. Aber von der Wirkung der Satire wird danach gesprochen werden, wenn wir ihre Art und ihren Charakter näher werden betrachtet haben.

Der Satirenschreiber hat mit dem moralischen Philosophen das gemein, dass er, wie dieser, eingerissene oder einreißende Schäden des sittlichen Menschen zu heilen sucht; aber in den Mitteln sind sie verschieden. Dieser nimmt den ernsthaften lehrenden, vermahnenden, warnenden Ton an, stellt das Übel bisweilen nach seinem Ursprung, bisweilen in seiner allgemeinen Beschaffenheit, oft in seinen schädlichen Folgen, aber allezeit unmittelbar in dem Ton des Lehrers, vor. Ganz anders verfährt in der Regel der Satiriker. Ihn selbst hat sein Stoff entweder in verdrießliche, oder in spottende, oder bloß lustig scheinende Laune gesetzt und diese teilt er seinem Leser mit. Das Übel, welches er angreift, kommt ihm in gewisser Gestalt und Farbe vor, die jene Laune veranlassen; also schimpft oder spottet oder lacht er und beschreibet seinen Gegenstand nach dem, was darin für seine Laune am meisten auffallend ist. Er verfährt dabei, wie jeder Künstler, sinnlich, nimmt statt allgemeiner Vorstellungen besondere; es ist nicht seine Art die Torheit, oder das Laster zu entwickeln, sondern er schildert den Thoren und Lasterhaften nach der Absicht, in welcher er die widrigste, oder seltsamste, oder lächerlichste Gestalt bekommt. Der Satiriker macht sich auch nicht zum Gesetz, sich sehr genau an die Richtigkeit der Zeichnung zu binden, sondern übertreibt auch wohl die Sache ein wenig und gibt oft eine seiner Laune gemäße Karikatur, statt der genauen Zeichnung. Dadurch sucht er possierlich durch die Laune, in die er seinen Leser versetzt, ihn über die Ausschweifung, die er schildert, verdrießlich zu machen oder ihn zu Verspottung und Belachung derselben zu bringen. So unterscheiden sich der Satiriker und der Moralist, bei einerlei rühmlicher Absicht, durch die Art der Ausführung.

Freilich sind sie nicht durchaus in jeder Äußerung einzelner Gedanken von einander so verschieden, dass sie gar nie, einer des anderen Bahne beträten. Der Satirenschreiber wird bisweilen in einzelnen Stellen ein Moralist und dieser gerät bisweilen in das Fach der Satire. So wenig aber dieser, wenn er auch etwas unwillig wird, sich feindselig zeigt, so wenig nimmt jener den Ton eines väterlichen Lehrers an; auch da wo er den Thoren belehrt, tut er es als ein Zuchtmeister. Die Satire fährt nicht notwendig in einem Ton durchaus fort; Unwillen, Spott und Lachen wechseln bisweilen darin mit einander ab; doch scheint es, dass der lachende und spottende Ton ihr vorzüglich eigen sei. Der schicklichste Wahlspruch des Satirikers ist: Ridendo dicere verum. Nur dieses bleibt immer herrschend, dass die Angriffe auf Unverstand, Torheit und Laster wirklich feindselig sind und dass diese in ihrer widrigen oder lächerlichen oder schimpflichen Gestallt dargestellt werden. Der Satiriker verfährt wie ein Feind, der seinem Widersacher den Tod geschworen hat und es so genau nicht nimmt, ob er ihm durch einen geraden Angriff oder durch Fechterstreiche beikommt.

 

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8) Cantamus vacui. Od. l. 6. Vacui sub umbra lusimus. Od. I. 32.

9) Sat. L. I. 9.

10) S. Lächerlich, am Ende des Artikels.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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